Premiere 27.10.2022 – Sophiensaele, Berlin

Additional shows on 28./29./30.10.2022 – Sophiensaele, Berlin

Queering Nosferatu ist eine kontemplative Performance, in der Anna Natt in ganz persönlicher Auseinandersetzung mit Schlüsselmomenten der Filme Murnaus und Herzogs ein “queered reading” dieser speziellen Vampirfigur entwickelt. Anders als viele Vampire der aktuellen Pop-Kultur, die elegant, sexy und bestens integriert daherkommen, ist Nosferatu viel monströser und zugleich unbeholfener. In der Version Herzogs werden unstillbarer Hunger und das Zu-Viel-Sein, die Zeitlosigkeit und öde Immergleichheit, werden Altern und Einsamkeit, Anderessein und Sehnsucht nach Unerreichbarem zu seinen bedeutsamsten Charakteristika. Die Performance greift diese Themen auf und liest den Vampir als eine queere Figur, mit der Anna Natt sich selbst sehr identifiziert: ein Wesen mit nicht-normativen Wünschen, das außerhalb heteronormativer Zeitlichkeit lebt. Das Monströse, Unersättliche und das Zu-Viel-Sein des Vampirs korrespondiert mit demjenigen des Femininen, das heteronormative Diskurse als das “Andere” und als bedrohlich definieren. Hier darf es sein, gehört dazu, ist integraler, asthetisch-produktiver Bestandteil. Das Groteske der Bewegungen und Gesten des Nosferatu wird umarmt, denn es bietet eine andere Art der Auseinandersetzung mit dem eigenen Altern, mit zunehmender Steiffheit und Technikverlust, als sie die Tanz- und Performancewelt für gewöhnlich zulässt. Zusätzliche inspiriert ist Queering Nosferatu von den Arbeiten der jüdischen expressionistischen Choreographinnen Gertrude Bodenwieser und Hilde Holger, die um 1920 in Berlin lebten und dem expressionistischen Film. Eine experimentelle Videoperformance von Anna Natt und Dalia Castel, im Sinne einer Hommage angelehnt an Bodenwiesers Choreographie “Demon Machine” von 1923, ist in die Performance eingebettet. Die Ausstattung bezieht sich stark auf Kostümentwürfe Holgers. Das kontemplative der Performance liegt nicht nur im künstlerischen Zugang von Anna Natt, sondern auch in ihrer Rezeption. So steht die Performance in organischem Zusammenhang mit der räumlichen Klangskulptur, die der Experimentalmusiker Robert Curgenven mit einer auf der Bühne live-gespielten Pfeifeborgel und geklonten Orgelklängen in einer 6-Kanal-Klanginstallation im Raum gestaltet. Orgeln wirken per se schon anachronistisch und unsterblich, in ihrer Verbindung mit religiösen Ritualen fungieren sie als Metapher für das Pathos, das auch Vampir-Figuren durchaus zueigen ist. Deren hypnotische Fähigkeiten finden sich im Potential des Orgelklangs, Zuhörende in beinah tranceartige Zustände zu versetzen. In diesem Sinne arbeitet Curgenven ganz bewusst mit der physischen Erfahrbarkeit des Klangs, der Raum und Körper zu durchdringen und in Schwingungen zu versetzen vermag.